2008
Moskau - Ostaschkow - Neftekamsk -
Surgut - Krasnojarsk
Das Berufsausbildungszentrum für GUS-Manager in Selbelang bei Nauen entsendet seine Absolventen für zwei Monate ins Praktikum. Das nahmen wir zum Anlass, eine Reise nach Russland zu unternehmen, um bestehende Geschäftskontakte auszubauen und neue zu knüpfen. Der Berliner Russland-Deutscher Unternehmerverband verschaffte uns dazu noch einen Kontakt nach Krasnojarsk in Mittel-Sibirien.
Also legten wir die Route fest: in den europäischen Teil nach Moskau, Twer-Gebiet, Jaroslawl und natürlich nach Baschkortostan in die Stadt Neftekamsk, wo H. Hanke schon „zuhause“ ist. Weiter sollte es gehen nach Asien, also Sibirien: Surgut im hohen Norden und ins weit östlich gelegene Krasnojarsk.
Bis in den Ural konnten wir recht einfach die Route per Internet planen. Bereits im östlichen, asiatischen Ural fanden sich im großen weiten Computernetz nur spärliche Informationen. Eigentlich reichte das nur, um die Entfernungen abzuschätzen. Aber unser russischer Atlas von 2006 zeigte uns den Weg auf klassischem Papier.
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Am 10. Oktober starteten wir. Die erste Etappe ließ Routine erwarten. Von Polen aus ging es über die Grenze in die Ukraine und über Kiew nach Russland. Aber hier waren bereits die ersten Hürden zu nehmen. Am ukrainischen Zoll suchte die Beamte einen Grund, etwas Geld außer der Reihe zu verdienen, weil wir unseren kleinen PKW bis unters Dach mit Winterkleidung, KFZ-Notfallausrüstung, Minibüro und ein paar Präsenten gepackt hatten. Also sollten wir auf unserer Zolldeklaration alle WAREN auflisten. Also listeten wir jeden Euro, Rubel, Hrywnja und Dollar auf. Die Frau wurde ungehalten, weil keine Ware vermerkt war. Also forderten wir die Dame energisch auf, das Auto auszupacken und pingelig zu prüfen. Diesen Ton verstand sie und ließ uns ziehen. Der nächste Ukrainer bat um etwas Geld. Aber es stellte sich heraus, dass er ein leidenschaftlicher Sammler von Euromünzen war, der uns tatsächlich alle Münzen zurück gab, die er bereits in seiner Sammlung hatte.
Eine toll neu gebaute Straße erwartete uns, aber nur für 100 Kilometer. Dann verwies uns die freundliche Polizei auf 100 Kilometer Umweg. Hinter Kiew freuten wir uns wieder auf eine glatte breite Straße und wieder nur für 100 Kilometer. In die Baustelle rein, Baustelle raus und wieder und wieder bis es stückweise über Feldwege ging. Ein „Taxifahrer“ führte uns über einen Schleichweg, den kein Straßenfahrer gerne fuhr. Dann endlich wieder auf asphaltierter Straße durch Baustellen und am Ende stand die Polizei und sammelte Geld, weil eine Geschwindigkeitsbegrenzung einfach zu übersehen war. Und schon saßen wir in der Falle. Nach kurzer Diskussion drehten wir den Wagen kurzer Hand um, um die Forderung zu prüfen, und die Polizei hatte leider recht. Unsere Mühen der Klärung quittierten die lächelnden Polizisten mit dem Verzicht auf ihre Einnahmen, weil die Ukrainer schließlich in die EU eingegliedert werden wollen. Und wieder brauchten wir eine kleine Umfahrung. Aber diesmal durch nasse lehmige Erde 10 Meter steil ab durchs Schlammloch und gleich leicht rutschend wieder steil auf. Das war was für Militärkraftfahrer mit entsprechendem Fahrzeug. Der gelernte Militärkraftfahrer saß ja am Steuer und das kleine Auto gab sein Bestes. Mit Dreck an Front und Türen kamen wir erleichtert wieder auf die Straße. Freundliche Abschlepphelfer gegen einen Obolus warteten dort auf die Pechvögel.
Die Ukrainer ließen uns schnell aus dem Land. Die Russen empfingen uns noch freundlicher. Sie hatten gerade wenig zu tun und schwatzten mit uns, als ob wir Stammkunden wären. Außer die Türen zum Aussteigen blieben alle Türen und Klappen zu. Man half beim Ausfüllen der Grenzdokumente und stellte uns unaufgefordert auch die KFZ-Deklaration für 2 Monate aus, was auf vorheriger Reise mit Fehler im Papier zum Problem wurde. Sehr nett lockten sie eine Belohnung aus uns heraus ohne zu übertreiben.
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Frisch getankt für 65 Euro-Cent je Liter zogen wir gen Moskau. Alsbald begrüßte uns die Polizei, betrachtete mit Hochachtung unser Business-Visum und wünschte uns eine gute Reise. Eine zweite Streife hatte auszusetzen, dass wir bei Tage ohne Licht fuhren. Wir hatten tatsächlich in Vorbereitung die russische STVO studiert, aber diese Regelung übersehen? Zur Antwort bekamen wir, dass diese Regelung neu sei und vielleicht im Internet nicht zu finden sei. Mit dieser kostenfreien Belehrung ließ man uns wieder ziehen.
Relativ neu war ja auch die Regelung der amtlichen Registrierungspflicht. Am dritten Werktag hatten wir den Aufenthalt über einen Gastgeber mit Formularen erstmals anzuzeigen. In der Satellitenstadt Podolsk vor Moskau nahmen wir für eine Nacht Quartier in einem internationalen Hotel und hatten die gesetzliche Anmeldepflicht erfüllt. Nun brauchten wir diese Prozedur nur, wenn wir mehr als 3 Tage an einem Ort verblieben. Und das sollte auf dieser Reise höchst selten vorkommen.
In Moskau standen 4 Termine an: eine zukünftige Baustelle der Plattenbausanierung besichtigen, ein Gespräch mit der bereits uns bekannten Organisatorin des Petersburger Wissenschafts- und Wirtschaftsforums, sowie zwei russischen Planungs- bzw. Consulting- Büros. Überall fanden sich Anknüpfungspunkte auch in Kooperation mit anderen russischen und deutschen Partnern. Im Twer-Gebiet gibt es eine sehr reizvolle Seenplatte, wo der Tourismus schon viele Jahre lebt, aber der moderne, ökologische Ausbau erst am Anfang steht. Hier trafen wir auch auf einen Projektentwickler, mit dem wir bereits über ein Jahr Kontakt pflegen. Unsere Bereitschaft zur Zusammenarbeit wurde auch beim Gouverneur registriert.
In und um Moskau als „braver“ Deutscher zu fahren, empfanden wir als Tortur. Die Brummis hängen an der Stoßstange des Vorderen. Wer ausgiebig hupt, behauptet Vorfahrt durchsetzen zu müssen. In der City kommt man natürlich hervorragend mit Metro und Bus zurecht. Aber wenn man pendeln muss, oder um die Stadt herum, muss man selbst aggressiver fahren und aufpassen, dass man keine Autodellen einfängt.
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Gesprächsbereitschaft führte uns auch in das Department für Bauwesen der Gebietshauptstadt Jaroslawl. Der Austausch war zäh und dennoch kurz. Aber der Kontakt besteht noch. Wir werden sehen, ob wir einen Ausgleich der Interessen erreichen können. Manches braucht eben mehr, als einen Anlauf.
Die nächsten Wirtschaftstreffen waren in Sibirien geplant. Aber es waren noch nicht alle Termine abgestimmt. Und wir wollten noch an den Ort, wo H. Hanke 2005 sein erstes Projekt in Russland hatte. Unsere Haus- und Hof-Dolmetscherin ist dort zuhause. Er ist dort in eine Familie aufgenommen, und da ist es einfach Pflicht, sich sehen zu lassen. Freunde gibt es dort, Zeit die angearbeiteten Projekte zu überdenken und sich auch zu erholen für die vielen Auto-Kilometer quer durch die westliche Hälfte Sibiriens.
Also machten wir Stippvisiten in Susdal, Nischni Nowgorod und Kasan und nahmen einen Eindruck von der Unterschiedlichkeit der Regionen mit. Große Beachtung findet das Zusammenleben von verschiedenen Völkern, Kulturen und Religionen. Auffällig ist besonders, dass in Tatarstan und Baschkortostan Moslems und Christen eher friedlich miteinander umgehen. Auch Misch-Ehen sind nichts Unnormales. Sicher gibt es auch Auseinandersetzungen. Aber in anderen Regionen der Erde scheint ein solches Miteinander undenkbar.
Wir haben vor Moskau (den Fluss) Mütterchen Wolga gesehen, schmaler als die Elbe und bei Kasan muss man mit dem Auto eine Weile rollen, um über die Brücke zu kommen. Auch die folgenden „kleinen“ Flüsse, wie Kama und Belaja kann man mit der kleinen Elbe nicht vergleichen.
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Nach der Pause bei Freunden und Familie in Neftekamsk brachen wir auf, nach einem Bummel in der baschkirischen Hauptstadt Ufa, Europa zu verlassen. Aufwärts ging es in das nicht sehr steile Ural-Gebirge, welches in seiner Ausdehnung Deutschland locker überdecken kann. Kurz nach Mitternacht fanden wir eine Tankstelle, die Europa und Asien bezeichnet und ein Monument, dass deutlich macht, dass hier ein anderer Kontinent beginnt. Nur schade, dass dieses Wahrzeichen nachts nicht beleuchtet ist.
Am nächsten Tage stellten wir unser Auto in Tscheljabinsk ab und fanden uns in einer scheinbar inzwischen vertrauten Welt wieder, die jedoch ganz anders war. Das Stadtzentrum sieht „normal“ russisch aus und bringt ein Flair, das man kaum beschreiben kann. Es ist wie ein Widerspruch: die russische europäische Kultur und, obwohl nicht auffällig, deutlich asiatische Züge. Ein riesiger Boulevard lädt zum flanieren ein. Die vielen Kleinigkeiten an Architektur, Skulpturen und Musik geben eine Atmosphäre, dass man sich hier einfach treiben lässt und in kleinen Beobachtungen verliert.
Davon losgerissen fuhren wir über Tjumen in den autonomen Kreis im Norden, recht abgelegen von den anderen großen Siedlungsgebieten. Die einzige, 700 km lange Auto-Trasse, die fast parallel zur Eisenbahn verläuft, verbindet den Norden mit der Gebietshauptstadt Tjumen. An der Stadtausfahrt wurden wir von der Polizei kontrolliert. Daraufhin wurden wir mit unserem deutschen Autokennzeichen durchgewunken. Offensichtlich hatte auch hier die Information funktioniert.
Der autonome Kreis wird von Chanten, Mansen und Russen bewohnt. Vier größere Städte bilden den wirtschaftlichen Kern des Kreises. Auch hier sind Erdgas und –öl die industrielle Grundlage. In Surgut besuchten wir die Firma Surgutmebel, die Türen, Fenster, Verbundglas, Möbel und mobile Wohnzellen (auf Rädern für die Erdöl-Arbeiter) herstellt. Die Qualität ist auf dem Niveau von Mitteleuropa. Auch hier haben wir mit der Geschäftsleitung gemeinsame Anknüpfungspunkte gefunden. Die Kreis-Hauptstadt Chanty-Mansijsk liegt 300 km westlich im Ural. Die geografische Lage zeichnet die Stadt als exzellentes Ski-Sportgebiet und Erholung auf und am Wasser aus. Eine Stadtentwicklung zum ausgereiften touristischen Zentrum, lässt noch auf sich warten.
Zurück und weiter östlich passierten wir Omsk und Novosibirsk. Die großen Flüsse Ob und Irtysch kreuzten mehrfach unseren Weg. Jede dieser Millionenstädte ist etwas anders. Je weiter man östlich kommt, verändern sich auch äußerlich die Menschen. Für uns asiatische Gesichtszüge werden immer häufiger. In Krasnojarsk trafen wir auf einflussreiche Händler im doppelten Sinne. Ihre Firmen machen gewinnbringende Geschäfte und sie handeln als Abgeordnete in der Stadt und im Gebiet. Eine Partnerfirma, geleitet durch einen Deutschen, der dort inzwischen ansässig ist, unterstützte uns sprachlich wie organisatorisch. Die Startschwierigkeiten fanden sich auf beiden Seiten. Aber der unbedingte Wille, etwas gemeinsam zu unternehmen, scheint so stark, dass wir einen gemeinsamen Weg wirtschaftlicher Kooperation finden werden. Informationen kennen keine Entfernungen, sondern nur Menschen, die sich kennen und Informationen austauschen. Aus Moskau erhielten wir den Hinweis und Kontaktdaten für die Entwicklung einer Stadt für über 40.000 Menschen 500 Kilometer weiter südlich von Krasnojarsk. Kurz darauf saßen wir mit einigen Organisatoren am Tisch.
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Von Berlin bis hierher sind wir rund ein Viertel um den Erdball gefahren. Sechs Stunden standen wir früher auf, als in Deutschland und waren etwa in der geografischen Mitte von Russland. Mehre Städte nehmen diese geografische Lage in Anspruch, um sich herauszustellen. Letztlich sind 500 Kilometer hier wirklich keine Entfernung.
Nun drehten wir unsere Uhren und die Entfernung von Europa wieder zurück. Über die Stadt Jekaterinburg in Asien und dem Abzweig kurz vor Perm zogen wir unsere Bahn wieder nach Neftekamsk. Pause vor der Heimreise haben wir uns verordnet und dafür in zwei Schulen uns am Unterricht für deutsche Sprache beteiligt.
Das Abschiednehmen drängte auf uns zu. Also noch mal das mobile Büro auspacken, Nacharbeiten ausführen, noch einen inzwischen noch vereinbarten Gesprächstermin in Moskau vorbereiten... Was natürlich nicht fehlen durfte, noch eine Erholung in einer echten russischen Banja (Sauna), wie man sie auf dem Dorfe dort zuhause hat.
Durchgesaust bis Moskau, stiegen wir um in die Metro bis ins Zentrum und verständigten uns mit einem Planungsbüro über Bauprojekte in Krasnodar, besonders in Vorbereitung auf die Winterolympiade 2014 in Sotschi. Dieses Gebiet war durch uns ursprünglich am Beginn der Reiseplanung als zentrale Projektentwicklung angedacht. Nun steht das Kennenlernen am Ende der Reise, wie ein Symbol.
Ja es war ein schwerer Abschied, weil man sich lange wieder nicht sieht. Und es war ein leichter Abschied, weil es kein Abschied auf lange sein wird.
Echtes Leben sehen die Touristen natürlich nicht, aber wir, weil wir dort leben, wie die Einheimischen und uns integrieren. Deswegen sind wir auch aufgenommen im Lande der noch unbekannten Möglichkeiten.
100 Minuten am Telefon kosten nicht mehr die Welt. Für 100 € Benzin trägt uns das Auto wieder dorthin zurück. Und 100 Gramm Wodka ist eine herzliche Begrüßung beim Wiedersehen.
Hier beginnt Asien.






Surgut


Tscheljabinsk




Omsk


Nowosibirsk

Krasnojarsk








Tjumen

Jekaterinburg
